Ein sanftes Blätterrascheln, knackende Zweige, jeder Atemzug füllt die Lunge mit frischer Luft, ein Hauch von Duft nach Tannennadeln… Das milde Licht schimmert durch die Baumkronen in tausenden Abstufungen von Grün- und Brauntönen, während vermooste Baumstümpfe und knorrige Wurzeln mit jedem Schritt auf dem weichen Waldboden deine Aufmerksamkeit ganz auf den Moment lenken. Ruhe. Ausgeglichenheit.
Stimulierend, aber nicht überreizend – genau das ist die Mischung, die einen Aufenthalt im Wald so geistig erfrischend und körperlich erholsam macht. Im Alltag sind viele Menschen zwischen dichter Bebauung, Verkehrslärm, sozialen Anforderungen und der grenzenlosen digitalen Welt allzu oft einer Lawine aus Reizen ausgesetzt, die unsere Aufmerksamkeit von einem Impuls zum nächsten springen lässt. Der Wald hingegen stellt eine wichtige Insel der Erholung dar, die wir ganz leicht für unser Wohlbefinden nutzen können. Was aber genau macht den Wald oder andere Naturausflüge so erholsam? Und wie oft sollte ich mich in den Wald begeben, um von den positiven Effekten zu profitieren?
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Aufenthalten im Wald wurden zunächst in Japan erforscht, bevor diese Forschungsrichtung auch international auf großes Interesse stieß. Bekannt unter dem Begriff Waldbaden (japanisch: Shinrin Yoku) wird ein Waldaufenthalt in Japan mittlerweile schon viele Jahre als gesundheitliche Vorsorge und Therapieform genutzt. Die Schlussfolgerung der zahlreichen wissenschaftlichen Feldexperimente und Studien zu dem Thema lautet: Der Wald übt eine Vielzahl positiver Auswirkungen auf unsere Gesundheit aus. Welche das sind und wie auch du profitieren kannst, erfährst du hier:
Auf einen Blick: Ein Aufenthalt im Wald kann…
- das Herz-Kreislauf-System positiv beeinflussen, indem Blutdruck und Puls gesenkt werden
- das Immunsystem stärken, indem die Bildung von natürlichen Killerzellen (Lymphozyten) und körpereigenen Antikörpern (Immunglobulinen) angeregt wird
- die Stimmung aufhellen, Zustände der Einsamkeit und psychische Krankheiten oder deren Symptome, wie Depressionen und Angstzustände verbessern
- Stresssymptome mindern, indem die Ausschüttung der mit Stress und erhöhter Aktivität in Verbindung stehenden Hormone Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin verringert wird
- den Schlaf verbessern
- die Augengesundheit stärken, indem das Risiko für die Entstehung von Kurzsichtigkeit vermindert wird
- Krankheiten wie Diabetes oder Adipositas günstig beeinflussen, ggf. auch Asthma und Allergien
- kognitive und motorische Fähigkeiten in der Kindesentwicklung fördern
- das prosoziale Verhalten und Gefühl der Verbundenheit stärken
Wie genau funktioniert die entspannende Wirkung des Waldes?
Der Wald und unser Gehirn
Ein zentraler Bereich unseres Gehirns, welcher wie ein „Dirigent“ unsere Denk-, Planungs- und Entscheidungsleistungen steuert, genannt präfrontaler Cortex, kommt im Wald auf günstige Weise „zur Ruhe“. In unserer modernen westlichen Welt ist dieser Bereich mehr oder weniger pausenlos gefordert, indem er komplexe Sachverhalte verfolgen muss und häufig einer Reizüberflutung ausgesetzt ist. Wissenschaftliche Versuche wie z.B. die südkoreanische Studie von Joung und weiteren Wissenschaftlern aus 2015 zeigen, dass sich bei einem Aufenthalt im Wald die Durchblutung dieses Gehirnareals verringert (im Vergleich zu einem gleichlangen Aufenthalt in bebauter, städtischer Umgebung). Dafür werden andere Bereiche im Gehirn aktiver. Die Verlagerung der Aktivität in andere Gehirnareale ist wichtig für die Erholung und wird als angenehm ruhig empfunden.

Darüber hinaus konnte eine Berliner Studie von Sudimac und Kollegen aus dem Jahr 2022 zeigen, dass eine weitere Gehirnregion vom Waldaufenthalt gegenüber einem Stadtaufenthalt profitiert: Die Amygdala, eine Region, die die Emotionsverarbeitung steuert und maßgeblich an unserer Stressverarbeitung beteiligt ist. Die Amygdala reduziert ihre Aktivität nach einem Waldspaziergang, was als entspannend wahrgenommen wird. Bei Studienteilnehmern, die als Vergleichsgruppe in der Stadt spazierten, blieb die Aktivität dagegen gleichbleibend hoch. Für uns ist klar, dass wir hier als Stiftung aktiv sein wollen, vor allem bei Kindern, die vom Schulalltag oft gestresst sind und häufig auch im Familienalltag kaum etwas von der Natur sehen – schau doch gerne mal bei unserem Projekt Draußenzeit vorbei.
Gesunde Duftstoffe des Waldes
Die gesundheitsfördernden Effekte auf uns Menschen durch das Hören von Naturgeräuschen wie Wasserplätschern oder Vogelgezwitscher neben den visuellen Reizen durch grüne Pflanzen sind von Forschern bereits seit längerem bestätigt. Spannend ist, dass selbst unsere Nase eine Rolle bei den gesunden Auswirkungen spielt. Denn eines der weiteren Elemente, die laut zahlreicher Forschungsergebnisse zu der Wirkung des Waldes beitragen, sind die von Pflanzen gebildeten Terpene und Terpenoide. Beides sind Hauptbestandteile der besser bekannten ätherischen Öle, die von Menschen aus Pflanzen gewonnen werden. Die Terpene und Terpenoide zählen zu den sekundären Pflanzenstoffen, das bedeutet, dass diese nicht direkt dem Wachstum bzw. der Energiegewinnung der Pflanze dienen. Stattdessen haben sie häufig antioxidative, antimikrobielle, antientzündliche, krebshemmende und weitere nützliche Eigenschaften, indem sie beispielsweise der Pflanze als Lockstoff dienen. Der bekannte Duft nach Zitrusfrüchten etwa stammt vom Terpen Limonen; weitere dieser Stoffe sind z.B. Pinen, Myrcen, Terpinen oder p -Cymol. Im Alltag finden Terpene breite Anwendung im Gesundheitswesen, beispielsweise in der Pharmazie, bei Nahrungsergänzungsmitteln, Lebensmitteln und Getränken, Kosmetika, Parfüms, synthetischen Chemikalien, Aroma- und Geschmacksstoffen und in der Biokraftstoffindustrie.

Im Wald regulieren diese Duftstoffe unsere Stressreaktion: Die körperlichen Vorgänge, die als „Stressantwort“ (Fachwort „Sympathikus“) bekannt sind, werden heruntergeregelt. Dagegen laufen die Vorgänge der „Entspannungsachse“ („Parasympathikus“) an, dem dämpfenden Gegenspieler des Sympathikus. Der Effekt ist körperlich messbar: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin verringern sich, stimmungsaufhellende Hormone wie Dopamin und Serotonin werden verstärkt ausgeschüttet, Blutdruck und Puls sinken und der Körper bildet vermehrt Immunzellen wie die natürlichen Killerzellen, die Erreger oder Krebszellen bekämpfen können. Je nach „Dosis“ des Naturaufenthalts, z.B. nach zwei Tagen Waldaufenthalt, kann diese Wirkung bis zu 30 Tage anhalten. Diese Zeiten werden die meisten von uns zwar höchstens im Urlaub erreichen, dennoch lässt sich festhalten: Je länger und öfter, desto besser. Damit punktet der Wald gesundheitlich also nicht nur durch die deutlich geringeren Konzentrationen an Feinstaub- und Lärmbelastung, beides Faktoren, die neben körperlichen Schäden auch mit dem Auftreten von psychischen Erkrankungen in Verbindung stehen, sondern stellt darüber hinaus auch ganz eigene „Gesundmacher“ bereit. Den Zugang zu diesen ermöglichen wir derzeit über 700 Berliner Grundschulkindern mit regelmäßigen Ausflügen ins Grüne. Findest du gut? Dann hilf uns, noch mehr Kinder zu unterstützen.
Vor lauter Beton kein Baum in Sicht? Deine Wald-Alternativen
Auch andere naturnahe Außenflächen wie Parks, Gartenanlagen oder Gewässerzonen wie Seen, Teiche und Bachläufe können sich positiv auf die Gesundheit auswirken – hier kommt alles infrage, was möglichst fernab von Verkehrslärm und Luftverschmutzungsquellen ist. Hauptsache die menschlichen Sinne werden mit der sanften Faszination der Natur stimuliert, aber nicht mit städtischen oder digitalen Dauerimpulsen überreizt. Schau dich doch beim Spazieren oder Radfahren um, welche Grünflächen du entdeckst, oder informiere dich z.B., ob es in deiner Region einen Gemeinschaftsgarten gibt. Übrigens können selbst immobile Menschen, wie Krankenhauspatienten oder Pflegebedürftige von der Natur profitieren: Ihre Stimmung hellt sich auf, sie haben weniger Schmerzen oder genesen schneller, wenn sie in die grüne Natur blicken können. Darüber hinaus kann ihre Gesundheit durch Zimmerpflanzen, Geräusche wie Wasserplätschern oder Vogelgezwitscher unterstützt werden.
Die perfekte Dosis Wald – ab wann der Wald wirklich wirkt
Erste Anzeichen von Entspannung konnten in Studien bereits nach 20 Minuten Aufenthalt gemessen werden. Für etwas langanhaltendere Wirkungen dürfen es aber gerne auch 120 Minuten oder natürlich mehr sein. Selbstverständlich muss niemand die Stoppuhr stellen. Achte lieber auf dein Gefühl, wie viel dir guttut und versuche es als gesundes Ritual regelmäßig in deinen Alltag einzubauen.
Und was genau sollte man im Wald nun eigentlich tun? Auch hier gilt: Was dir wohl bekommt (und keinem anderen oder dem Wald schadet). Die japanische Kunst des Waldbadens fokussiert sich während des Aufenthalts ganz auf das achtsame Wahrnehmen des Waldes mit allen Sinnen. Diese Gesundheitsübung kann man entweder auf eigene Faust unternehmen oder man sucht nach geführten Waldbaden-Angeboten. Neben diesen und ähnlichen Achtsamkeits- und Meditationsübungen lässt sich auch bestens jede andere Form der Bewegung oder Sport im Wald ausführen – neben einfachen Spaziergängen, Nordic Walking oder Joggen pflegen manche Kommunen zum Beispiel abwechslungsreiche Fitness-Parcours in Waldstücken. Oder wie wäre es, mal die Yogamatte mitzunehmen, um Pilates oder Dehnübungen im Grünen zu machen? Auch für Kinder wird der Wald ohne Aufwand zum großartigen Abenteuerspielplatz: Balancieren, klettern, fangen, verstecken oder Spiele wie Fahnenraub und Schnitzeljagd sind nur einige der unzähligen Möglichkeiten, wie sich Kinder unterschiedlichen Alters mühelos einen ganzen Tag fantasievoll beschäftigen können. Damit dieser Freiraum erhalten bleibt, müssen Kinder oft erst lernen, sich als achtsame Gäste des Waldes zu verhalten. Dass Naturschutz und Spaß Hand in Hand gehen, auch das lernen Berliner Grundschüler durch unsere „Draußenzeit“. Wenn du dazu beitragen möchtest, dass noch mehr Kinder vom Wald profitieren, schau doch mal hier vorbei:
Jetzt weißt du, dass der Schutz von Wald und Natur ganz direkt auch der Schutz unserer eigenen Gesundheit ist. Also, worauf wartest du noch? Erkunde das Grün um dich herum – und hilf uns, es zu bewahren!
Quellen:
- https://www.aerzteblatt.de/news/waldspaziergang-reduziert-aktivitaet-in-der-amygdala-f38475a6-e726-4259-be5d-90e0f87e878d
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